Cover Keiner wird leben Thumb 300

Keiner wird leben (Rezension)

5 von 5 Sternen

White, Loreth Anne | Edition M | 496 Seiten | eBook Kindle
Erschienen : 11. Januar 2022 | ASIN B09BCLQC6N | 1. Auflage
Thriller

 

Werbung/ Rezension: „Keiner wird leben“ von Loreth Anne White hat mir Edition M (Amazon Publishing) über NetGalley als persönliches Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Vielen Dank! Ich versichere, dass meine Meinung zu diesem Buch rein subjektiv ist und durch die kostenfreie Überlassung des Rezensionsexemplars nicht beeinflusst wird.

In der Falle: Man sieht sich immer zweimal im Leben

Acht Personen werden, scheinbar alle aus verschiedenen Gründen, in ein Luxus-Resort in einer einsamen Gegend in Kanada eingeladen. Nur sieben von ihnen treten die Reise tatsächlich an. Bereits die Anreise steht unter keinem guten Stern, denn ein Sturm kommt auf. Gerade so schafft es die Pilotin Stella, das Wasserflugzeug sicher zu landen. Doch die Unterkunft entspricht nicht der Ankündigung im Prospekt, und überhaupt macht das Ganze einen merkwürdigen Eindruck.

„Kurz nach der Landung hatte er das alles noch für ein tolles, wildes Abenteuer gehalten, aber jetzt … (Position 2038, Kindle).

Die Gruppenmitglieder merken schon bei der ersten Inspektion der Lodge, dass dort irgendetwas nicht stimmt: „Es gibt keine richtige Lodge. (…) Das hier ist kein Fehler. (…) Es ist ein Schwindel, irgendein krankes Spiel.“ (Position 1422, Kindle) und: „Diese ganze Sache war von Anfang an nur vorgetäuscht. Wir wurden hierhergelockt. Wir alle. Und jetzt sitzen wir in der Falle.“ (Position 1434, Kindle).

Als das Unwetter zunimmt, ist schnell klar, dass die Gruppe von der Außenwelt abgeschnitten ist und in den nächsten Tagen auf sich selbst gestellt sein wird. Doch kann man sich aufeinander verlassen? Welches Geheimnis verbindet die zunächst scheinbar zufällig zusammengewürfelte Gruppe? Und was sollen die merkwürdigen Gegenstände, z. B. das Schachbrett mit den merkwürdigen Figuren, in der Unterkunft? Als es den ersten Todesfall gibt, bricht in der Gruppe die Hölle los.

Alle sitzen in der Falle, und scheinbar ist ein Mörder unter ihnen.

Cover und Schreibstil:

Das Cover von “Keiner wird leben“ ist düster und bedrückend. Es zeigt einen Blick in eine Gruppe von Baumkronen in der Nacht. Das Buch ist bereits Ende 2019 unter dem Originaltitel „In the Dark“ erschienen, interessanter Weise mit genau dem gleichen Coverbild, was ja eher nicht die Regel ist.

Loreth Anne Whites Schreibstil ist spannend. Man ist als Lesende/r immer im Bilde, was passiert. Die kurzen Kapitel sind lesefreundlich. Durch den fortlaufenden Perspektivenwechsel, auf den ich gleich noch eingehe, schafft es die Autorin, den ohnehin schon spannenden Plot noch spannender zu gestalten. Die Beschreibungen der wilden Natur in den Wäldern Kanadas und Kommentare zum Wetter sorgen zusätzlich für Spannung: „Dann war das Licht wieder fort, verschwunden hinter dichten Nebelschwaden und Schneeflocken.“ (Position 2304, Kindle) Und: „Ein Rascheln, dann der leise Ruf einer Eule und das Rauschen ausgebreiteter Schwingen. Noch ein Geräusch, wie Schritte auf schneebedeckten Blättern. Wieder ein Knacken – ein brechender Zweig.“ (Position 2330, Kindle). Und: „Das Haus knarrte unter der zunehmenden Last des Schnees.“ (Position 2938, Kindle), sowie: „Hier galten andere Regeln, was Raumgefühl und Orientierung betraf“ (Position 4640 Kindle).

Fazit und Leseempfehlung:

Die Grundidee für diesen Thriller ist nicht neu: Eine Personengruppe befindet sich in einer einsamen Gegend, ein Mörder ist unter ihnen. Ich persönlich habe schon einige Bücher mit einem ähnlichen Plot gelesen (zum Beispiel gerade erst „Das Chalet“ von Ruth Ware und vor einiger Zeit „Die App“ von Arno Strobel). Obwohl diese Art von Thriller relativ vorhersehbar ist, macht es mir persönlich immer Spaß, sie zu lesen, denn beim Lesen ist ein gewisses Gruseln garantiert.

Wie bereits erwähnt, ist “Keiner wird leben“ bereits Ende 2019 unter dem Titel „In the Dark“ erschienen. Im Internet wurde bereits heftig darüber diskutiert, ob die Handlung dieses Thrillers zu sehr an einen Krimi von Agatha Christie angelehnt ist. Ich kenne das besagte Buch von Agatha Christie nicht, frage mich jedoch, ob es so schlimm ist, eine gute Story ein wenig anders verpackt nochmal zu verwerten, zumal Agatha Christie schon vor fast 50 Jahren verstorben ist.

„Warum sind wir alle hier? Warum wir?“ (Position 1542, Kindle)

Doch zurück zum Buch. Besonders interessant an „Keiner wird leben“ finde ich, dass es der Autorin gelingt, klarzumachen, dass alle Gruppenmitglieder Angst vor der gleichen Sache haben. Sie wissen nicht, was los ist, merken jedoch, dass alles irgendwie zusammenhängen muss: „Irgendetwas verband sie alle miteinander. Aber was? Und warum?“ (Position 1660, Kindle) und: „Jackie hat recht. (…) Wir müssen herausfinden, wo sich unsere Wege in der Vergangenheit gekreuzt haben könnten“ (Position 2113, Kindle).

Gleichzeitig haben die Gruppenmitglieder aber auch Angst voreinander. Sie finden sich gegenseitig verdächtig: „(…) – niemand traute den anderen über den Weg“ (Position 2227, Kindle). Steven sagt zum Beispiel über Bart: „Viel zu fröhlich für meinen Geschmack. Irgendwie merkwürdig.“ (Position 1367, Kindle), und auch Jackie traut Stella nicht: „Jackie hegte den dunklen Verdacht, dass Stella sie angelogen hatte (…). Dass sie durchaus Hilfe holen könnte, wenn sie wollte (Positionen 2347 und 2353, Kindle).

Die Situation eskaliert

Die Gruppenmitglieder kommen zunehmend mit der Situation und mit der damit verbundenen psychischen Belastung nicht klar: „Wer auch immer das getan hat, er hat sich viel Mühe gemacht. Er ist geisteskrank, und er hat vor, uns zu töten (…). Einen nach dem anderen.“ (Positionen 1753 und 1759, Kindle). Und es kommt zunehmend zu merkwürdigen Situationen: „Sie lachten, aus Nervosität. Ein hässliches Geräusch.“ (Position 1485, Kindle).

In einigen Momenten denken die Gruppenmitglieder sogar daran, dass es sich bei der ganzen Geschichte um eine Realityshow handeln könnte: „(…) Ob das hier vielleicht irgendeine irre Realityshow war, in die man sie gelockt hatte. Vielleicht würde in ein paar Tagen irgendjemand mit einer ganzen Truppe Kameraleuten auftauchen und ihnen einen Haufen Geld anbieten, wenn sie zustimmten, dass das Filmmaterial für eine Fernsehshow verwendet werden durfte.“ (Position 2090 und 2096, Kindle). Man versucht auch, sich gegenseitig zu beruhigen: „Vielleicht geht unsere Fantasie mit uns durch, nur wegen irgendeinem … irgendeinem Psychospiel (…). Vielleicht ist die Situation überhaupt nicht so gefährlich, wie wir glauben.“ (Position 2969, Kindle)

Die Angst der Gruppenmitglieder nimmt immer mehr zu: „‘Ich habe Angst‘, flüsterte Monica. ‚Wirklich Angst.‘“ (Position 2285, Kindle). Auf der einen Seite beschuldigen sie sich gegenseitig: „Und du – du trägst genauso viel Schuld.“ (Position 3200, Kindle), auf der anderen Seite gibt es aber auch Versuche, die Gruppe zusammenzuschweißen, zum Beispiel, indem Bart sagt: „Seht ihr denn nicht, was hier passiert? Wir haben Angst. Wir werden brutal. Wir wenden uns gegeneinander. Waren Sie nicht diejenige, die gesagt hat, wir können es nur als Team hier rausschaffen, Stella? Haben Sie uns während der Sicherheitseinweisung nicht gesagt, wie gefährlich Panik ist?“ (Position 2945, Kindle).

Der Suchtrupp: „Die Härchen in ihrem Nacken stellte sich auf.“ (Position 3329, Kindle)

Die Gruppe beschließt, die Lodge zu verlassen: „Wie auch immer, sind wir denn sicherer, wenn wir hier drin hocken? Wie Ratten in einem Fass, die darauf warten, dass man sie schnappt?“ (Position 2963, Kindle), und: „Wir werden gejagt. Wir wurden in eine Falle gelockt.“ (Position 4769, Kindle). Mit dem Verlassen der Hütte verbindet die Gruppe große Hoffnungen: „Wir können einander im Auge behalten, falls es einer von uns ist, der alles getan hat.“ (Position 4769, Kindle).

Während die Gruppe in ihr Unglück rennt, ist schon ein Suchtrupp unterwegs. Dem Suchtrupp ist von vorneherein klar, dass es sich um eine merkwürdige Gegend handelt: „Es ist ja auch weit abseits. Isoliert. Einfach … irgendwo im Nichts. Dorthin verirrt sich niemand.“ (Position 3139, Kindle). Und: „Ehrlich gesagt meiden die Leute den Ort eher. Es ist irgendwie gruselig dort.“ (Position 3139, Kindle).

Alle, die sich an der Suche beteiligen, haben ein merkwürdiges Gefühl: „Bisher hatten die Hinweise, die sie in diesem Fall gesammelt hatten, darauf hingedeutet, dass hier etwas zutiefst Ungewöhnliches geschah. Etwas Finsteres. Sie mussten so schnell wie möglich zur Lodge.“ (Position 3157, Kindle).

Als der Suchtrupp die Lodge schließlich erreicht, nehmen die dunklen Vorahnungen noch zu: „Irgendetwas an diesem Ort kam ihr unheimlich vor, als würde ihr sechster Sinn sie warnen.“ (Position 3329, Kindle). Und: „Es kam Callie so vor, als würde das Haus Kälte und alten Feuerrauch ausatmen. Ein leicht fauliger, undefinierbarer Geruch. Ein böser Hauch.“ (Position 3540, Kindle). Und die Mitglieder des Suchtrupps kommen auf den für sie unfassbaren Gedanken, dass der Mörder zur Lodge-Gruppe gehören könnte: „Blieb die Möglichkeit, dass einer oder mehrere in der Gruppe selbst Mörder waren.“ (Position 4680, Kindle), und: „Ihre Suche (…) hatte sich soeben möglicherweise in einen Bergungseinsatz verwandelt.“ (Position 4928, Kindle).

Ein gelungener Perspektivenwechsel und der Blick in die Vergangenheit

Die Autorin schreibt abwechselnd über die Erlebnisse der Gruppe (Kapitel mit der Überschrift „Die Lodge-Gruppe“) und über die Arbeit des Suchtrupps (Kapitel mit der Überschrift „Die Suche“), was ich einfach nur gelungen finde. Als Lesende/r weiß man nämlich meistens schon vor dem Suchtrupp, was passiert ist und kann so die Suche aus einer interessanten Perspektive verfolgen. Sehr geschickt arbeitet die Autorin dabei immer wieder Hinweise zu einem Ereignis vor 14 Jahren ein, welches der Ausgangspunkt für die gesamte Handlung ist. Nach und nach realisieren die Gruppenmitglieder, dass alles mit diesem Ereignis in Verbindung steht: „Die Erinnerung durchlief ihn wie ein Schauer.“ (Position 3375, Kindle), und: „Panik schloss sich wie eine Schlinge um Stevens Hals. Er konnte nicht atmen.“ (Position 3432, Kindle).

Dabei wirkte das Ganze an keiner Stelle zu konstruiert, was bei einem so komplexen Fall schnell passieren kann. Auch wenn ich beim Lesen schnell mitgekriegt habe, dass die Gruppenmitglieder letztendlich alle etwas miteinander zu tun haben, war die endgültige Auflösung des Falles überraschend und erschreckend zugleich.

Ich vergebe für „Keiner wird leben“ fünf Sterne und empfehle das Buch sehr dringend allen, die „Locked-Room-Thriller“ mögen und natürlich auch allen anderen Thriller-Fans. Ich persönlich konnte diesen Thriller nur sehr schwer aus der Hand legen, und es wird nicht das letzte Buch von dieser Autorin sein, das ich lese.

Die Dauerleserin

Anmerkungen:

Diese Rezension habe ich am  11.01.2022 auch bei NetGalley und  Amazon mit einem ähnlichen Wortlaut veröffentlicht.

„Keiner wird leben“ wurde von Diana Bürgel ins Deutsche übersetzt.

 

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